Talk mit Ansgar Martins: Verschwörungsmythen und Esoterik

glaskugel die einen Text zeigt: Talk 1 - Radikal höflich gegen Verschwörungsmythen
7 Jan 22

Nach einigen Monaten der Vorbereitung für unser Projekt “Radikal höflich gegen Verschwörungsmythen!” war es soweit, unser erster Talk stand an. Dafür luden wir kurz vor Heiligabend in vertraulicher Runde 15 Menschen dazu ein, sich über ihre Erfahrungen mit Angehörigen und Vertrauten auszutauschen, die sich der anthroposophischen oder esoterischen Szene zuordnen und in diesem Zusammenhang in Verschwörungsmythen abgleiten. Gerne hätten wir die Veranstaltung in Präsenz in Frankfurt gehalten, um das Gemeinschaftsgefühl und den Support, den wir uns unter den Teilnehmenden durch den Talk erhofften, zu fördern. Wegen der steigenden Inzidenzen fand dieser 1. Talk  am Abend des 21. Dezembers dann aber doch digital statt. Das Ziel für den Abend war, herauszufinden, was die Zauberformel für ein gelingendes Gespräch ist. Und wie wir Beziehungen gestalten können, wenn wir mit unserem Gegenüber in der Thematik nicht zueinander kommen.

Bereits bei der kurzen Vorstellungsrunde war schon absehbar, dass es eine angeregte Diskussion werden würde, denn alle hatten eine Menge Gesprächsstoff zum Thema mitgebracht. Doch vorher fütterte uns Ansgar Martins, unser Experte für den Abend, mit ein paar Erkenntnissen aus seinen Untersuchungen zu Esoterik, Anthroposophie und Religion. 

 

“Religionen haben Bücher, Tempel, etc. Der Rest landet in der Esoterik-Ecke.”

 

Ansgar Martins beschreibt Esoterik als Container für alles, was sich (noch) nicht Religion nennen lässt – man schaue nur mal in die Esoterik-Ecke im Buchladen, wo neben therapeutischen Klangschalen Bücher über Feen, Ufos und Chakren stehen. Aus seiner Sicht wird es “problematisch, wenn ich nicht mehr erkenne, was die Welt ist und was das ist, was ich in sie projiziere.”

Esoteriker:innen beanspruchen für sich, ein höheres Wissen bzw. einen Zugang zu Geheimnissen erlangt zu haben. An dieser Stelle wird die Nähe zu Verschwörungsideologien schon deutlich, denn auch dort geht es um verborgene Kräfte und Geheimbünde, die im Hintergrund die Welt steuerten. Solange Menschen an gute Kräfte glauben, die die Welt lenken, halten wir sie eher für harmlos weltfremd oder begrüßen sogar, dass sie uns z.B. in Waldorfschulen mit einem ganzheitlichen Konzept eine willkommene Alternative zum staatlichen Schulsystem anbieten. In Krisenzeiten kippt der Glaube an das gute Geheimnis jedoch schnell und an seine Stelle tritt die Idee einer diabolischen Verschwörung, es  wird nach Schuldigen gesucht. Schaut man genauer hin, wird deutlich, was sich beispielsweise hinter den Ideen Rudolf Steiners und in den Köpfen vieler seiner Anhänger:innen auch noch versteckt: der Glaube auserwählt zu sein und eine andere Geschichte, die “wahre” Geschichte, hinter den Dingen zu kennen. Alle anderen sind arme Unwissende, die sich teils sogar von Dämonen an der Nase herumführen lassen. Und schnell sind dann auch die üblichen antisemitischen Codes anzutreffen, wo eine geheime Elite die Welt lenke und böse Machenschaften verschleiern wolle. Das trifft nicht allein auf Anthroposoph:innen und Esoteriker:innen zu, sondern in Teilen auch auf andere gesellschaftliche Milieus, die jedoch alle jeweils vorgebrachte Vorwürfe vehement abstreiten. Es sollen diese Gruppierungen auch keinesfalls über einen Kamm geschoren werden. Schaut man aber etwas genauer hin, findet sich in esoterischen und anthroposophischen Kreisen einiges an völkisch-rassistischem Gedankengut.

 

In der an den Input von Ansgar Martins anschließenden Diskussion bestätigt eine der Teilnehmenden, die angibt quasi komplett in einer Anthro-Bubble aufgewachsen zu sein, die sanfte Infiltration. Sie habe eigentlich nichts über die Ideologie dahinter erfahren. Das schwinge eher so mit. Im Freund*innenkreis käme das Thema Impfen erwartungsgemäß nicht so gut an. Man heile sich selbst durch die Natur. Auch sie findet, Kritik an der “Schulmedizin” sei an sich nicht schlecht und fände es schwer gegen die Skepsis anzugehen, weil sie sie auch teilweise teile. Dann doch eine eindeutige Position zu beziehen, sei schwer. Am Ende münde es in solchen Fällen oft in einem Deal wie diesem: Wir reden nicht über Corona. Wenn es das einzige Thema ist, das die Freundschaft extrem belastet, so nimmt man lieber nicht das mögliche Ende einer wichtigen Freundschaft in Kauf. 

 

Dass uns so ein Deal nicht unbedingt befriedigt, könnt ihr euch sicher vorstellen. Und es gibt auf jeden Fall viel mehr Möglichkeiten mit Impfgegner:innen und Verschwörungsgläubigen umzugehen. 

 

8 Ratschläge, die wir aufgepickt haben

 

Wir waren auf alles andere vorbereitet als auf so eine rege Diskussion mit richtig vielen Lösungsvorschlägen. Wir hatten eher erwartet, dass es wie so oft bei digitalen Formaten an uns wäre, das Gespräch in Gang zu halten. Aber das war gar nicht nötig. Es floss nur so aus den Teilnehmenden heraus, was sie sich für Strategien erarbeitet hatten. Wir haben fleißig mitgeschrieben und wollen euch ein paar von den Ideen nicht vorenthalten. 

 

  • Den kleinen gemeinsamen Nenner finden – Das hört sich schon mal recht radikal höflich an. Frage dich: In welcher Beziehung stehe ich zu der Person? In welchem Kontext findet ein Gespräch statt? Gibt es Dinge, die ich mit dem Gegenüber teile? Ein Schlagabtausch mit Argumenten bringt meist nicht viel. Wo gibt es trotz verschiedener Positionen und vielleicht sogar hanebüchener Erzählungen Schnittmengen?

  • Gegenseitiges Zuhören – Spreche ich mit einem Gegenüber, das auch an meiner Meinung interessiert ist? Oder will mir jemand nur etwas aufdrücken? Ist letzteres der Fall, wird von der Diskussion nicht viel Konstruktives zu erwarten sein. Das gilt für euch beide, auch wenn es manchmal schwer fällt, sich Dinge anzuhören, die man meint nicht ernst nehmen zu können. Denk daran, das Gegenüber hält sich vermutlich für mindestens genauso schlau wie du dich.

  • Nachfragen – Es lohnt sich, deinem Gegenüber die Frage zu stellen, was passieren müsste, damit es seine Meinung zu konkreten Entscheidungen wie einer Impfung gegen ein gefährliches Virus ändern würde. An der Antwort kannst du festmachen, ob die Person an einem ehrlichen Austausch interessiert ist oder ob sie dich nur missionieren bzw. nur Dampf ablassen will.

  • Schamgefühl – Vielleicht ist es für die verschwörungsgläubige Person gar nicht möglich einzulenken, weil sie dann ihr Gesicht verlöre. Erwarte nicht, dass jemand plötzlich zugibt, dass die propagierte Wirklichkeit hinten und vorn gewaltig wackelt oder etwa 1:1 aus diesem Science Fiction – wie war noch gleich der Titel? – den ihr vor ein paar Jahren gemeinsam gesehen habt, zu entspringen scheint. Hilfreich ist es manchmal auch selbst zuzugeben, wenn du etwas nicht weißt. Die Pandemie ist komplex und niemand von uns hat auf alles eine Antwort. Ein Zugeständnis kann die Fronten abbauen und für dein Gegenüber als Vorbild wirken.

  • Nachhaken – Respekt ist die Basis für ein gutes Gespräch. Nimm die Äußerungen des Gegenübers ernst und denke sie weiter, hake genau nach, frage nach Details und gib dem/der Gesprächspartner:in die Möglichkeit, selbst zu erkennen, was an der Argumentation stichhaltig ist und was nicht.

  • Missionar:innen – sind auch unterwegs. Sie wollen dich überzeugen oder dich vielleicht auch retten. Menschen wollen Unsicherheiten reduzieren und klammern sich an vermeintliche Erkenntnisse, um den Alltag weiter zu meistern trotz der überfordernden Informationsflut. Manchmal ist das gekoppelt an eine Selbsterhöhung (“Ich gehöre zu denen, die es verstanden haben.”). Diese Missionar:innen wirst du vermutlich nicht mit Fakten und Gegenargumenten erreichen. Wenn sie dir wichtig sind (als Freund:innen, Familienmitglieder, etc.), finde heraus, ob sie sich echte Sorgen um dich machen und versuche einfach mal den Blickwinkel der Person einzunehmen. Dadurch gibt es weniger Potenzial für Feindseligkeit und es hilft evtl. beim Aufrechterhalten der Beziehung. Manchmal hilft es der Person zuzugestehen, dass es ein überirdisches Reich gibt, auch wenn du dich nicht davor zu fürchten brauchst.

  • Was wäre, wenn? – Wenn es die Beziehung zulässt, kann es richtig interessant sein, spielerisch mit der unterschiedlichen Wahrnehmung einer Situation umgehen. Geht gemeinsam die konträren Szenarien durch, z.B.: A) die Impfung ist sehr gefährlich, B) die Impfung schützt mich. Auf diese Weise können beide Seiten wertungsfrei über ihre Positionen reden.

  • Sich Verbündete suchen – Gespräche mit Verschwörungsgläubigen können richtig anstrengend und Nerven aufreibend sein. Denk daran, dich nicht zu übernehmen und die Balance zu halten. Fühlst du dich ausgelaugt, suche dir Menschen in deinem Umfeld, mit denen du dich über deine Erfahrungen austauschen kannst.


 

Für den letzten Punkt in der Liste haben wir auch gleich ein Angebot. Am 8. Februar um 14:15 geht es nämlich weiter mit unserer Talkreihe “Radikal höflich gegen Verschwörungsmythen”. Zu Gast haben wir diesmal Marina Chernivsky. Der thematische Schwerpunkt ist die Psychologie von Verschwörungsglaube und Antisemitismus. 



 

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