Talk mit Tobias Meilicke: Verschwörungsgläubige, Verschwörungsinteressierte und handgeschriebene Briefe

4 Mai 22
Barbara Djassi

Tobias Meilicke ist Berater im Team von veritas, der Beratungsstelle für Betroffene von Verschwörungs­erzählungen. Am 13. April war er Gast unseres vierten Empowerment-Talks zum radikal höflichen Umgang mit Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben. Wir haben ihn gebeten, einen kurzen Input zu geben, in dem er seine Erfahrungen und vor allem ein paar hilfreiche Tipps mit uns teilt. Weil unsere Talks vertrauliche Gesprächsrunden sein sollen, begrenzen wir die Anzahl der Teilnehmer*innen auf maximal 15 Leute. Für alle, die nicht dabei sein konnten, haben wir unsere Notizen in Form gebracht. 

Das Online-Meeting begann mit einem kurzen Check In, in dem die Anwesenden ihren Bezug zum Thema und ihre Erwartungen an den Abend teilen konnten. Die Teilnehmenden kamen aus den verschiedensten Ecken ganz Deutschlands. Sie alle hatten Erfahrungen mit Verschwörungsgläubigen in ihrem nahen Umfeld mitgebrachtund erhofften sich Rat und Raum für ihre individuellen Fragen. Tobias Meilicke begann seine Ausführungen mit der Feststellung, dass  Anhänger*innen von Verschwörungsmythen sich in zwei grobe Gruppen unterteilen ließen: Verschwörungsgläubige und Verschwörungsinteressierte.

Verschwörungsgläubige sind in Verschwörungsmythen zu Hause. Sie haben sich darin quasi eingerichtet, haben bereits ein verfestigtes Weltbild. Es ist relativ unwahrscheinlich, dass es gelingt, sie dort herauszuholen. Verschwörungsinteressierte hingegen haben sich (noch) nicht festgelegt. Sie liebäugeln mit bestimmten Geschichten. Es besteht durchaus die Chance, dass sie noch zugänglich sind und sich noch überzeugen lassen, wenn man eine gemeinsame Gesprächsebene findet. Je nachdem, welcher Gruppe die Person zuzuordnen wäre, würden sich unterschiedliche Kriterien für die Kommunikation mit ihr ergeben, so Tobias Meilicke. Er hat uns ganz konkrete Ratschläge mitgebracht:

A) VERSCHWÖRUNGSINTERESSIERTE

  • Gut zuhören und die Inhalte spiegeln. Es lohnt sich, die Verschwörungserzählung noch mal kurz zusammenzufassen und mit der Person abzugleichen, um Missverständnisse zu vermeiden.
  • Mit Fragen arbeiten. Es ist besser Fragen zu stellen, als viele Argumente vorzubringen. Verschwörungsinteressierte halten sich für besonders kritisch und finden für viele Argumente Gegenpositionen
  • GEMEINSAM Faktenchecks anschauen. Indem das Erschließen von Argumenten zu “einer gemeinsamen Entdeckung” wird, fühlt sich die verschwörungsinteressierte Person nicht belehrt und kann selbständig zu neuen Erkenntnissen gelangen.
  • Maximal drei Gegenargumente bringen. Hier gilt: weniger ist mehr. Laut Forschungen ist es vertane Liebesmüh, mehr als drei Argumente vorzubringen, denn das hat keinen positiven Mehrwert, sondern führt eher zu Abwehr.
  • Statistiken gilt es zu vermeiden. Verschwörungsaffine Menschen finden zu Statistiken keinen Zugang, sondern glauben eher an Geschichten. So hat es beispielsweise wenig Sinn, für die Impfung gegen Corona zu argumentieren. Wirkungsvoller ist hier meist ein Beispiel aus dem nahen Umfeld.
  • Die Verschwörungsgeschichte möglichst nicht wiederholen. Vorsicht Falle!  Wenn wir Geschichten öfter hören, tritt der Gewöhnungseffekt ein und das Hirn nimmt an, dass das Gehörte eher wahr ist.
  • Darauf achten, wie es der Person geht. Menschen, die sich Verschwörungsgeschichten zuwenden, tun dies oft aus sozialen Bedürfnissen heraus. Gerade die Pandemie hat durch den erlebten Kontrollverlust bei vielen Menschen bspw. ein Gefühl von Ohnmacht ausgelöst. . Hier sollten Gefühle ernst genommen und Bedürfnisse erfragt werden, um  diese zu erfüllen.

B) VERSCHWÖRUNGSGLÄUBIGE

Bei Verschwörungsgläubigen sind Diskussionen auf der Sachebene selten zielführend, denn dabei wird ihr Weltbild angegriffen und ihr Weltbild ist eng mit ihrem Selbstbild verknüpft.

  • Ziel des Gesprächs ermitteln. Es lohnt sich, sich über das eigene Ziel im Klaren zu sein. Warum reagiere ich wie? Ist es mein Ziel andere davor zu bewahren, mit diesen Ideen in Kontakt zu kommen? Oder will ich Personen schützen, weil sie innerhalb der Verschwörungsgeschichte diskriminiert werden können? Oder ist es mein Wunsch, die Person zu beeinflussen? In diesem Fall ist ein 1:1 Gespräch klar von Vorteil.
  • Realistische Ziele festlegen. Es ist unrealistisch, jemanden mit einem einfachen Gespräch zu überzeugen. Aber es ist möglich, Verschwörungserzählungen während des Gesprächs nicht mehr in den Mittelpunkt zu stellen und lieber auf eine persönliche Ebene zu kommen.
  • Nicht verzweifeln. Verschwörungsgläubige erkennen oft Muster, wo gar keine sind. 
  • Beziehung analysieren. Wichtig ist, sich klarzumachen, in welcher Beziehung man zu der anderen Person steht. Ist es eine familiäre oder freundschaftliche Beziehung? Ist es eine kollegiale Beziehung oder nur eine Bekanntschaft?
  • Fakten-Diskussion vermeiden. Die Faktenlage wird sowieso angezweifelt, Quellen werden längst nicht mehr ernst genommen. Bei einem Schlagabtausch entstehen oft Aggressionen . Es lohnt sich mehr, Fragen zu stellen. 
  • Klare Grenzen setzen. Oft wagt man es nicht die eigenen Grenzen zu ziehen - aus Angst vor einem Abbruch der Beziehung. Wer aber keine Grenzen setzt, belastet sich langfristig selbst und wird evtl. aggressiv. Außerdem erwächst Verschwörungsglaube, wie bereits gehört, oft aus einem Gefühl von Ohnmacht. Wenn das Gegenüber keine klaren Grenzen setzt, verunsichert das die verschwörungsgläubige Person weiter. Schweigen wird meist als Zustimmung gewertet. Oder es bewirkt sogar das Gefühl, das Gegenüber mit den Verschwörungserzählungen überzeugen zu können. Wenn Grenzen gezogen werden sollen, bieten sich hier besonders gut Ich-Botschaften an: “Ich brauche eine Pause”, “Ich kann das nicht nachvollziehen” etc.   
  • Auf Augenhöhe bleiben. Zuspitzungen und Kampfbegriffe vermeiden, weil das zu Abwertung und folglich auch zu Abwehr führt. Oft sind Verschwörungsgläubige Menschen, die ihr eigenes Selbst aufwerten wollen. Das funktioniert bestens, wenn man sich zum Kreis einer auserwählten Elite zählt. Es ist darum ratsam, Abwertungsmechanismen nicht zu verstärken.
  • Soziale Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen. Ich-Botschaften senden: z.B. Ich spüre deine Sorge. Auf emotionaler Ebene Impulse setzen. Menschen ändern sich aufgrund von emotionalen Erfahrungen.
  • Gemeinsamkeiten finden. Gibt es noch andere Themen, über die ihr sprechen könnt? Das kann ungeheuer entspannend wirken.

"WIESO IST EIGENTLICH ALLES EINE VERSCHWÖRUNG, DAS GANZE LEBEN?"

Nach dem kurzen Input wurden die Teilnehmer*innen kurz in Breakoutrooms geschickt, um mit einer anderen Person das Gehörte zu sortieren. Danach öffneten wir die Runde und jede*r konnte über seine Assoziationen und Erlebnisse berichten. Bei dem regen Austausch erfuhren wir, dass einige der Anwesenden schon ihre eigenen Bewältigungsstrategien entwickelt hatten. Zum Beispiel berichtete ein Geschwisterpärchen davon, dass ein Riss durch die Familie ginge, es aber ein sehr gutes Gefühl sei, eine*n Verbündete*n zu haben.

“Wieso ist eigentlich alles eine Verschwörung, das ganze Leben?”, fragt sich eine andere Teilnehmerin. Tobias Meilicke erklärt, es sei eine evolutionäre Notwendigkeit, Muster zu erkennen. Beispielsweise prägten sich Menschen als Überlebensstrategie früher die Musterung gefährlicher Tiere ein, z.B. eines Tigers. Anhand der Streifen wussten sie, dass sie in Gefahr sind und vorsichtig sein sollten. Er begründet mit diesem Vergleich, warum Menschen, die an Verschwörungsgeschichten glauben, oft nicht nur auf eine, sondern auf ganz viele dieser Geschichten vertrauen, was teilweise zu der absurden Situation führt, dass sich ausschließende Geschichten gleichzeitig geglaubt werden. Beispielsweise vermutet eine Person bei dem Tod von Prinz Charles erster Gattin ihren Mord und kann im nächsten Moment “Diana lebt!” skandieren.

Eine Teilnehmerin berichtet, dass sie nach einem Abbruch des Gesprächs mit der von Verschwörungsmythen stark beeinflußten Person weiterhin regelmäßig über Emails darüber informiert, wie es ihr und ihren Kindern geht, denn ihr ist die Beziehung eigentlich wichtig. Tobias Meilicke findet das richtig und ermutigt dazu, Räume zu schaffen, in denen man nicht direkt mit der verschwörungsgläubigen Person konfrontiert ist. Es müsse nicht zum kompletten Bruch kommen, man könne auch das Setting verändern. Besonders lohnenswert sei es, auf ein altes Kommunikationsmittel zurückzugreifen: das Briefeschreiben. Durch den Postweg entschleunige sich die Kommunikation enorm und die Person kann nicht sofort “zurück feuern”. Einen Brief kann man sehen, anfassen und sogar riechen – umso mehr Sinne berührt seien, desto eher komme man auf eine emotionale Ebene. Einen Brief zu schreiben, würde außerdem als starkes Zeichen der Wertschätzung verstanden.

Tobias Meilicke rät, direkte Gespräche unter vier Augen lieber nicht am Küchentisch zu führen. Das hätte etwas sehr intimes, es könne sogar provokativ empfunden werden. Bei einem Spaziergang beispielsweise träfe man sich gelöster. Es sei gleichzeitig leichter, sich zu trennen: Aus einem Raum zu gehen oder jemanden bitten, zu gehen, sei viel schmerzhafter als bei einem Spaziergang zu wünschen, eine Weile für sich zu sein. Zudem wirke ein Spaziergang durch die Bewegung und die daraus hervorgerufene Ausschüttung von Glückshormonen entspannend.

"ES VERLANGT MUT, DEN MENSCHEN SEHEN ZU WOLLEN"

Besonders wertvoll empfanden die Teilnehmer*innen des Talks den Rat, sich an den Punkt zu erinnern, an dem das Gegenüber begonnen hat, Verschwörungsgeschichten zu glauben und sich zu fragen: Was ist in diesem Moment passiert? Was war in diesem Moment im Leben des Menschen los?

In der Feedbackrunde hören wir von einer Teilnehmerin, dass sie sehr inspiriert sei und dass ihr aufgegangen sei, dass es am Ende nicht um eine intellektuelle Debatte ginge, sondern darum, wie es dem Menschen geht, der Verschwörungsmythen glaubt. “Ich bin gar nicht so sicher, ob ich das wirklich wissen will. Für mich stellt sich die Frage: Will ich wirklich da rein?” Und stellt fest: “Dann muss ich wirklich nah ran an den Menschen. Es verlangt Mut, den Menschen wirklich sehen zu wollen.”

Tobias Meilicke gibt der Runde am Ende noch mit auf den Weg, sich bewusst zu machen, in welchem Angstzustand die verschwörungsgläubige Person andauernd ist. Er verweist auf angeleitete Selbsthilfegruppen für Angehörige, die vielerorts entstehen. Und bietet den Teilnehmenden an, sich bei veritas Hinweise geben zu lassen.

Du hast selbst Erfahrungen mit Verschwörungsgeschichten und bist neugierig geworden? Am 11. Mai 2022 sprechen wir in unserem letzten Talk dieser Reihe mit Sarah Pohl von Zebra BW, der Zentralen Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen über die Zusammenhänge von Verschwörungsmythen, Desinformation und Propaganda in Zeiten des Krieges. Komm dazu! Wir treffen uns in vertraulicher Runde um 19 Uhr in Zoom. Den Link bekommst du nach deiner Anmeldung per E-Mail zugeschickt. Hier kannst du dich anmelden. ​

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